SNA: Ethische Grundsätze
Die Durchführung der Analyse eines Sozialen Netzwerks birgt gleich mehrere ethische Probleme, wie aus dem wirklich sehr empfehlenswerten Aufsatz von Borgatti und Molina hervorgeht. Im folgenden möchte ich diese kurz diskutieren.
Probleme
- In herkömmlichen Umfragen können die Daten in der Regel anonymisiert ausgewertet werden. Dies funktioniert im Netzwerkumfeld nur sehr bedingt. Zum einen ist es schwieriger, aus einem anonymisierten Ergebnis die nötigen Schlüsse zu ziehen und Verbesserungsmaßnahmen zu treffen. Zum anderen können selbst ohne Angabe von Namen einige Leute anhand ihrer bekannthin einzigartigen Verbindungen erraten werden und damit vielleicht auch die Leute um sie herum.
- Daten werden für Personalentscheidungen genutzt, z.B. indem pauschal periphere Angestellte gefeuert werden. Noch schlimmer wäre es, wenn vorher die Leute unter falschen Zusicherungen zur Teilnahme überredet worden wären. Das hätte neben den Folgen für die Betroffenen auch verheerende Auswirkungen auf zukünftige Befragungen.
- Angestellte fürchten Konsequenzen und versuchen "richtig" zu antworten, d.h. durch das vermutete Ergebnis möglichst gut auszusehen. Die strategische Befüllung des Fragebogens torpediert allerdings das ganze Ergebnis.
- Was passiert mit Leuten, die nicht teilnehmen wollen? Werden die als isolierte Knoten dargestellt? Gut, wenn nein. Allerdings reicht das Problem noch tiefer. Beziehungen von Teilnehmern zu diesen Leuten können dann auch nicht richtig dargestellt werden.
Ethische Richtlinien nach Borgatti/Molina
- "Avoiding Harm to Innocents" (Leid für Arglose vermeiden): Das kann erreicht werden, indem entweder Leid oder Arglosigkeit verhindert wird. Leid kann durch Verschleierung der Identitäten und hinreichende Aggregation der Daten sowie Abmachungen mit dem Management zumindest eingedämmt werden. Kann das nicht sichergestellt werden, so muss die Arglosigkeit der Teilnehmer durch massive Aufklärung bekämpft werden - mit all den ggf. negativen Folgen für die Qualität der Daten. Zu dieser Aufklärung könnte etwa eine exemplarische Netzwerkgraphik inkl. Verdeutlichung der möglichen Schlüsse beitragen. Außerdem muss Nichtteilnahme unbedingt erlaubt werden.
- "Providing Value to Participants" (Teilnehmern etwas zurückgeben): Die Aussicht, etwas aus der Studie für sich selbst zu lernen, kann die Motivation zur gewissenhaften und aufrichtigen Teilnahme stark steigern. Diese Analyse für jeden einzelnen Teilnehmer ist für den Durchführenden der Studie allerdings ein sehr aufwändiges Geschäft - zumindest wenn es sorgfältig betrieben wird.
Ich muss gestehen: Der Artikel hat mir die Augen geöffnet. Ich denke immer noch, dass eine Darstellung von Netzwerken eine wertvolle Führungsunterstützung liefert. Die Konsequenzen einer solchen Untersuchung können aber tatsächlich so weitreichend sein, dass es sich lohnt, erst einmal inne zu halten und zu überlegen, wie eine Balance zwischen den berechtigten Interessen der Führungsriege (Probleme identifizieren) und den mindestens ebenso berechtigten Interessen der Betroffenen gefunden werden kann.
Vielleicht ist es am Besten, die Mitarbeitervertretung von Anfang an mit ins Boot zu holen und in die Gestaltung der Umfrage einzubeziehen.
I started a discussion of this idea at the Yahoo! ONA CoP.
1 Comments:
Ich habe zu diesem Thema einen interessanten Link gefunden, den ich hier nicht vorenthalten möchte: How do you design your questions for a Social Network Analysis?
Interessant ist auch der Kommentar mit dem Franklin-Zitat:
"Tell me and I forget. Teach me and I remember. Involve me and I learn."
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