Montag, Oktober 30, 2006

Sonstiges: Zeit haben, ZEIT lesen

Heute gab es auf dem Weg von der Arbeit nach Hause ein Riesenverkehrschaos in Bonn. Ich habe mit dem Bus eine ganze Stunde länger gebraucht als normal. Viele Fahrgäste haben gestöhnt. Ich tue das normalerweise auch, aber diesmal hatte ich eine angenehme Ruhe in mir. Grund war, dass ich glücklicherweise die aktuelle (44.) ZEIT dabei hatte. Die Fahrt kam mir sogar kürzer vor als normal, so sehr habe ich die wunderbaren Artikel genossen.

Mein Highlight war allerdings diesmal die Rubrik "Das Letzte". Ich habe richtig laut aufgelacht, so dass sich einige Leute ganz erstaunt umgedreht haben, was es denn in diesem Chaos noch zu lachen gebe. Ich zitiere kurz Finis:

Im deutschen Berufsleben, so hat jüngst eine Studie ergeben, zählt nicht die fachliche Kompetenz, sondern die Fähigkeit, sich zu verkaufen, durchzuwursteln und anzuwanzen. Der Arbeitsmarkt ist verstopft mit Verzweiflungsschauspielern, deren wahre Begabungen das gurrende Networken und das surrende Mobben, das Bücken und Kampf-Buckeln sind. Vielleicht bestehen »Unterschicht« und »Prekariat« nicht, wie ein Herr Beck aus dem Pfälzer Wald unterstellt, aus Menschen, die sich vom Wertschöpfungsprozess abgemeldet haben, sondern vielmehr aus solchen, die die Schnauze voll haben vom Rumschleimen und Hochgleiten, Himmelherrgott!

Könnte es sein, dass für die Unterschicht die angsterfüllte Mittelschicht das wahre Prekariat ist, also die unsägliche, mit einem ewigen »Okay« in jeden Round Table hineinnickende, an allen klebrigen Projektsträngen ziehende Truppe von Mitläufern und Besoldungsgruppenhampeln, die heimlich am Abend den Sechsämtertropfen kippen in das große Loch, das ihnen der Tag in die Seele fraß? Während die Unterschicht schon am hellen Tag froh den Sechsarbeitsämtertropfen schlürft? Ist die Unterschicht die wahrhaft befreite Klasse dieses Landes?

Das schlägt doch irgendwie voll in die Kerbe, in die ich kürzlich schon einmal gehauen habe. Es ging mir damals um eine Kritik an den Behauptungen über Fähigkeiten etc., die Leute in Ihren OpenBC-Profilen aufstellen.

Weitere Glanzartikel in meinen Augen:

Nicht so toll fand ich hingegen den Artikel, der ein paar der ersten deutschen Bachelor vorgestellt hat. Die hatten natürlich überhaupt keine Probleme beim Berufsstart, alles Sonnenschein, und überhaupt waren das voll die Überflieger. Interessiert denn Niemanden, was aus dem ganz normalen Durchschnittsbachelor so wird? Hier hätte ich mir eine differenziertere Berichterstattung gewünscht, obwohl ich das Motiv, junge Abiturienten für die neuen und sicherlich zukunftsträchtigen Modelle zu begeistern, sehr unterstützenswert finde.

Ich möchte mir auf keinen Fall wünschen, dass sich ein derartiges Verkehrschaos wiederholt, schon im Interesse der anderen Fahrgäste, aber wenn es sich schon wiederholen muss, dann bitte frühestens am Donnerstag, wenn die neue ZEIT rauskommt!

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